Die Preisverleihung brachte in Kiel medizinische Forschung, europäische Begegnung und den deutsch-französischen Dialog zusammen. Die Nachfrage nach Förderung war in diesem Jahr besonders groß: Bis zum Bewerbungsschluss gingen über 30 Anträge mit einem Gesamtantragsvolumen von mehr als 260.000 Euro ein.
„Mit den Förderpreisen möchten wir dort Anschub geben, wo gute Ideen auf wissenschaftliche und interkulturelle Neugier treffen. Die diesjährigen medizinischen Projekte zeigen sehr eindrücklich, wie breit die junge neurowissenschaftliche Forschung aufgestellt ist – von der Sprachfunktion bei Hirntumoroperationen bis zu neuen immunologischen Strategien gegen das Glioblastom“, sagt Professor Dr. med. Maximilian Mehdorn, Vorsitzender der Familie Mehdorn Stiftung.
Sprache als Schlüssel zu Begegnung und Integration
Festredner war der französische Autor, Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler und frühere Minister für Chancengleichheit Dr. Azouz Begag aus Lyon. In seinem Festvortrag „Die Sprache der Anderen lernen!“ widmete er sich der Rolle von Sprache für Integration und Zusammenleben in Europa. „Wer Sprachen lernt, geht aktiv auf andere zu und trägt zur Verständigung und Integration bei – das zeigt der Lebensweg von Azouz Begag eindrücklich“, sagt Dr. phil. Margarete Mehdorn, Vorsitzende des Stiftungsrats.
„In Schulen und Vereinen, in Kunst und Musik, über Generationen hinweg: Dieses Aufeinanderzugehen wollen wir mit der Stiftung fördern und Europa ganz konkret erlebbar machen – nicht abstrakt, sondern im gemeinsamen Tun“, sagt sie. Zu diesem Ziel kooperiert die Familie Mehdorn Stiftung auch seit mehreren Jahren mit der Deutsch-Französischen Hochschule, deren Präsident Professor Dr. iur. Philippe Gréciano, für die Preisverleihung eigens aus Frankreich nach Kiel gereist war und vor Ort genauso ein Grußwort gesprochen hat wie die Stadtpräsidentin der Stadt Kiel, Bettina Aust.
Die ausgezeichneten Projekte im Bereich Neurochirurgische Forschung
Sprachfunktionen bei Hirntumoroperationen besser schützen
Dr. med. Fares Komboz, Klinik für Neurochirurgie, Universitätsmedizin Göttingen
Projekt: Das subkortikale Substrat der sublexikalischen Sprachverarbeitung, Fördersumme: 4.000 Euro
Dr. med. Fares Komboz untersucht, wie Sprachprozesse über tiefer liegende Faserbahnen im Gehirn organisiert sind. Im Mittelpunkt steht die Fähigkeit, Buchstaben und Laute miteinander zu verbinden – ein Vorgang, der etwa beim Lesen unbekannter Wörter wichtig ist. Das Projekt nutzt intraoperative axonokortikale evozierte Potenziale, also Messungen während Wachoperationen bei Patientinnen und Patienten mit Hirntumoren in sprachrelevanten Arealen. Ziel ist es, Sprachbahnen präziser zu kartieren und neurochirurgische Eingriffe so zu planen, dass postoperative Sprachdefizite möglichst vermieden werden. Die Förderung unterstützt einen dreimonatigen Studienaufenthalt am Hôpital Lariboisière in Paris.
Immuntherapien gezielter in Hirntumoren bringen
Jonas Scheck, Universitätsklinikum Heidelberg / Deutsches Krebsforschungszentrum
Projekt: Bildgestützte Untersuchung der intraarteriellen Applikation von Immuntherapeutika im Glioblastom, Fördersumme: 4.000 Euro
Jonas Scheck erforscht, wie Immuntherapeutika beim Glioblastom besser an ihr Ziel gelangen können. Das Glioblastom ist ein besonders aggressiver hirneigener Tumor; eine große Herausforderung besteht darin, Wirkstoffe über die Blut-Hirn- beziehungsweise Blut-Tumor-Schranke in ausreichender Menge in den Tumor zu bringen. Das Projekt vergleicht die herkömmliche intravenöse Gabe mit einer selektiven intraarteriellen Anwendung, bei der die Wirkstoffe über Gefäße gezielter eingebracht werden sollen. Hochauflösende Magnetresonanztomographie, Gewebeaufklärung, Lichtblattmikroskopie und Immunanalysen sollen zeigen, wie sich die Wirkstoffe verteilen, wie lange sie im Tumor verbleiben und wie sie die Immunantwort beeinflussen. Die Förderung unterstützt einen Forschungsaufenthalt am MD Anderson Cancer Center in Houston.
Frühwarnsystem für die Neurointensivmedizin
Privatdozent Dr. Dr. med. Anton Früh, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Neurochirurgie
Projekt: Schwingungsbasierte Überwachung neurointensivmedizinischer Patientinnen und Patienten mit Lumbaldrainage, Fördersumme: 4.000 Euro
PD Dr. Dr. med. Anton Früh entwickelt ein digitales Frühwarnsystem für Patientinnen und Patienten auf neurointensivmedizinischen Stationen. Bei bestimmten schweren Hirnerkrankungen kann eine Lumbaldrainage helfen, Nervenwasser abzuleiten und Druck zu senken. Gleichzeitig kann es gefährlich werden, wenn sich Druckverhältnisse zwischen Schädel und Rückenmarkskanal ungünstig verändern. Das geplante System analysiert Schwingungsmuster von Drucksignalen und soll sichere und unsichere Drainagephasen in Echtzeit anzeigen – ohne zusätzliche invasive Hirndruckmessung. Das Projekt ist als prospektive Methodenstudie angelegt und soll eine spätere größere Validierungsstudie vorbereiten.
Die Rolle von Entzündungsprozessen im Glioblastom verstehen
Dr. med. Felix C. Nebeling, Universitätsklinikum Bonn / Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, Bonn
Projekt: Mikrogliales Kalzium und Inflammasom-Aktivierung im Glioblastom, Fördersumme: 4.000 Euro
Dr. med. Felix C. Nebeling untersucht, wie Immunzellen des Gehirns, sogenannte Mikroglia, mit Glioblastomzellen interagieren. Im Fokus stehen Kalziumsignale und die Aktivierung des NLRP3-Inflammasoms, eines Entzündungssensors des angeborenen Immunsystems. Das Projekt soll in einem immunkompetenten Glioblastom-Mausmodell zeigen, ob und wie diese Entzündungsprozesse zur Tumorprogression beitragen. Die Ergebnisse könnten helfen, die Rolle des Tumormikromilieus besser zu verstehen und mögliche neue Angriffspunkte für künftige Therapien zu bewerten.
Neue T-Zell-Strategie gegen das Glioblastom
Dr. med. Alice Dauth, Klinik für Neurochirurgie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Projekt: Targetierung von CMV-spezifischen Virusantigenen zur individuellen Therapie des Glioblastoms mittels single-chain T-Zell-Rezeptoren, Fördersumme: 4.000 Euro
Dr. med. Alice Dauth verfolgt einen präklinischen immuntherapeutischen Ansatz gegen das Glioblastom. Dabei sollen speziell entwickelte T-Zell-Rezeptoren Tumorzellen erkennen, die bestimmte Antigene des Humanen Cytomegalievirus präsentieren. In einem nächsten Schritt soll geprüft werden, ob dieser Ansatz menschliche Glioblastom-Stammzellen gezielt angreifen kann. Die Förderung ermöglicht einen zwölfwöchigen Forschungsaufenthalt im Brain Cancer Therapy Lab am Legorreta Cancer Center der Brown University in Providence, Rhode Island, USA. Dort stehen spezielle Glioblastom-Zellmodelle und ein 3D-Modell der Blut-Hirn-Schranke zur Verfügung.
Die ausgezeichneten Projekte im Bereich Interkulturelle Kommunikation
Städtepartnerschaft Oldenburg-Blain als Graffiti sichtbar machen
Sylvaine Mody, Städtepartnerschaftskomitee Oldenburg in Holstein – Blain e. V.
Projekt: Graffiti-Projekt „Grenzenlos in Bewegung“, Fördersumme: 1.000 Euro
Das Städtepartnerschaftskomitee Oldenburg in Holstein – Blain e. V. erneuert gemeinsam mit beruflichen Schulen und dem Oldenburger Sportverein eine Graffiti-Wand an der Blain-Halle. Anlass ist das zehnjährige Bestehen des Städtepartnerschaftskomitees. Angehende Erzieherinnen und Erzieher entwickeln mit einem erfahrenen Graffiti-Künstler ein neues Motiv zu Sport, Gemeinschaft, internationaler Verbundenheit und kulturellem Austausch. Beim Sommerfest in Oldenburg in Holstein ist außerdem eine offene Mitmachaktion für Kinder geplant. So soll die Städtepartnerschaft zwischen Oldenburg in Holstein und Blain durch Kunst und Teilhabe im öffentlichen Raum sichtbar werden.
Orgelkultur als deutsch-französischer Resonanzraum
Dr. Christiane Strucken-Paland, Gesellschaft der Orgelfreunde e. V.
Projekt: Pariser Orgeltagung 2026, Fördersumme: 3.000 Euro
Die Gesellschaft der Orgelfreunde e. V. organisiert vom 2. bis 8. August 2026 die Pariser Orgeltagung. Geplant sind Konzerte, Orgelwanderungen, Interpretationskurse, eine Orgelbauwerkstatt und ein musikwissenschaftliches Symposium in Paris sowie Exkursionen nach Versailles, Meudon, Houdan und Rouen. Ziel ist es, französische Orgelkultur an historischen Instrumenten für Profis und interessierte Laien erlebbar zu machen und den Austausch über deutsche und französische Orgeltraditionen zu fördern. Kooperationspartner sind die César-Franck-Gesellschaft e. V., die Association Aristide Cavaillé-Coll und die Deutsch-Französische Gesellschaft Köln e. V.
Generationen im deutsch-französischen Engagement vernetzen
Louisa Schmeiduch, Deutsch-Französischer Jugendausschuss e. V.
Projekt: Intergenerationelles Forum 2026, Fördersumme: 1.000 Euro
Der Deutsch-Französische Jugendausschuss e. V. organisiert vom 14. bis 16. Oktober 2026 in Saarbrücken ein intergenerationelles Forum unter dem Oberthema „Grenzen:los“. Rund 50 Teilnehmende aus Deutschland und Frankreich sollen dort zu Themen wie Mobilität, Klimaschutz, Digitalisierung, Spracherwerb und zivilgesellschaftlichem Engagement arbeiten. Im Anschluss bringen sie ihre Ergebnisse in den Jahreskongress der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa / Fédération des Associations Franco-Allemandes pour l’Europe ein, der ebenfalls in Saarbrücken stattfindet. Das Forum richtet sich an jüngere und ältere Engagierte und soll im generationsübergreifenden Austausch neue Impulse für die deutsch-französische Zivilgesellschaft entwickeln. AMMehdorn
Dr. Azouz Begag, Lyon, bei seinem Beitrag; Foto FMS/J.Filipinski